19.04.2005
>  Hitler’s Familie  <   im Z D F
An die Zuschauerredaktion
Was sollte und wollte eigentlich diese Sendung dieser Tage, die

  • in ihrer Tonlage typisch Guido Knopp:  der Mann mit Durchblick ist endlich wieder auf der Platte mit ganz neuen Neuheiten; ich nenne das reißerisch. Warum?

>>   "Neue Akten! Auf Schloß Leopoldskron zwei Forscher, die viel aufspüren; erstaunlich, wieviel man schon damals hätte aufdecken können....eines der dunkelsten Kapitel konnte jetzt enthüllt werden; brisantes Geheimdossier.... angebliche Verwandtschaft mit pikanten Details; Familie Veit [oder wars Feith auf dem Amtspapier?]; Halbidioten, erbliche Geisteskrankheit; Großcousine Aloisia: Krankenakte jetzt aufgefunden;  auch Geschwister psychisch auffällig" <<

  • nach wiederholtem History-Label mit US-Jargon und deutschen Untertiteln für die deutsch sprechende Paula Hitler (der US-Übersetzer nicht ausgeblendet, ein stupides Kuriosum!) den History-Channel erkennen läßt (wohl mit einiger ZDF-Anreicherung, was nicht so genau auszumachen, beide Anteile waren ziemlich vermischt), der mir seit über zwei Jahrzehnten so bekannt ist, daß ich schon vor ein paar Jahren die Übernahme beim ZDF anregen wollte;
  • in Recherche und Darstellung sehr zu wünschen übrig läßt;
  • den Zuschauern etwas vorgaukelt, was nicht stimmt, jedenfalls wie hinter einem Chiffontuch;
  • mit dem Grabkreuz „Hier ruht die Familie Salomon“ skurrilen Gebrauch treibt, hoffentlich ungewollt  (andernfalls müßte man Guido Knopp den Preis für süffisante Kreativität geben), daß sich ein einschlägiger Historiker köstlich amüsieren müßte.

Aber das kann und war ja wohl nicht der Sinn der Sendung, abgesehen davon, daß interessante alte Bilder von Orten und Menschen gezeigt wurden, die etwas zur Abrundung eigener Gedanken beitragen konnten.

Doch schauen wir mal, daß nämlich

  • es die „die Grazer Verwandtschaft Veith / Feit als Halbidioten / Irrsinnige lt Himmler-Bericht mit Großcousine Aloisa und der Irrenanstalt Hartheim gab, die dort 1940 in der Gaskammer umkam; auch die Geschwister psychisch auffällig; auch die Ahnenreihe zeigt eine Anzahl psychiatrischer Auffälligkeiten, und man muss sich fragen, ob in Hitlers Familie ....“;
  • in der Familie "der Wurm drin" war, wie der gutachtende Professor (?) wußte;
  • der Ahnenforscher Karl Dietrich von Frank-

bisher wußte man nur von seinem Namensvetter RA Frank, der auch auf Hitlers Verlangen in Graz gestöbert und gewühlt hatte, Chef des Generalgouvernements wurde und am Galgen endete –

  • im Schloß Senfteneck in Niederösterreich 1200 Seiten Akten gefunden hatte-

- wann eigentlich? natürlich zu Hitlers Zeiten, denn Hitler bedankte sich im gezeigten Schreiben für die gute Arbeit, auch wenn Frank bald (wann?) seinen Irrtum (welchen?) eingestand; doch Hitler ließ trotzdem alles in der "Ahnentafel berühmter Deutscher" veröffentlichen –

  • wo sie im Geheimversteck

- wer versteckte und warum ?

  • über Jahrzehnte gelegen hatten.

??? - hatte doch jemand den Hitler gejagt, jedenfalls nicht als er noch Gelegenheitsmaler war und Landsberg doch heil überstanden hatte -oder was lag sonst noch vor ?

Jede Quasselstube im Talk machte Dampf, ob der „Führer“ etwa als unerkannt Geisteskranker für seine Straftaten garnicht verantwortlich war. Welch abstruser Gedanke, oder? Nicht auszudenken. Ich beiß’ mir lieber die Zunge ab als diese Frage zu stellen: allzu schnell ist man Beschwichtiger, Leugner, gar Verherrlicher, unmittelbar oder mittelbar oder um drei Ecken herum. Das sollen lieber künftige Generationen mit besseren Genen ausbaldovern. Jedenfalls gleitet mir Hitlers Blick und Auge und Gehabe desto mehr ins dämonisch Abgründige, je öfter man uns dieser Tage mit ihm zubuttert.

War nicht schon der US-Geheimdienst hinter seinem Psychogramm her?

Das ZDF belustigte sich mehr als daß es unterrichtete, was von Halbbruder Alois und Schwester Paula über Ziehtochter und US-Filmeur als Transmissionsriemen zu hören war:

"Verblendung aus Familientradition; widerliche Kreatur; eine Ewiggestrige, die nur ihren Bruder sehen will; heimliche Bilder der alten Frau Paula Hitler durch den Gartenzaun"; angeblich ist die deutsche Interviewfassung mit Paula H. nicht mehr vorhanden, dabei plauscht sie gut verständlich frei von der Leber weg auf deutsch und der Dolmetscher muß überlautstark englisch tönen, um sie zu übertönen, und ihre Worte werden auch  noch untergetitelt! Welche Azubis waren da bloß am Werk?

Worüber der ZDF-Bericht kein Wort verliert: das Psychogutachten von Dr. Langer aus dem Jahre 1943 im Dienste der OSS / späterer CIA auf Geheiß von Franklin Delano Roosevelt, dem Helden von Pearl Harbour.  Daß das Gutachten, im Internet abrufbar, dem Profi Knopp bekannt ist, muß außer Frage stehen, oder? Taugt also dieser Bericht etwa nichts? Berührt er etwa  Tabus? 

Loisl Schicklgruber, Hitlers späterer Vater, ging als 39jähriger keineswegs so einfach zum Notar und Pfarrer mit dem Taufregister und "er läßt eintragen", was ihn vom "Bankert" zum Ehelichen machte und zum Alois Hitler. Schließlich waren der plötzlich untergejubelte biologische Vater schon 15 Jahre und die Mutter gar 25 Jahre tot, was die ganze Chose für Juristen höchst suspekt macht. Übrigens mit zwei analphabetisierenden Zeugen und seinem Pflegevater, was der Sache den besonderen Anstrich gab. Hier, behaupte ich einfach mal, kaufte der gerissene Pflegevater Zeugen ein und bestach mindestens einen Behördenvertreter (Pfarrer / Notar). Denn es ging plötzlich (kaum für den Pflegevater, der gewiß ein Alimentenprofiteur ab Loisl’s Geburt war und daher dessen Mutter in ihr heimatliches Kaff wieder schickte),  um die nicht unerhebliche Erbschaft im Werte eines Bauernhofs, auf die sich das ganze Dorf keinen Reim machen konnte. Aber es soll ja auch einen Dr. Prinz gegeben haben.

Gefragt wird in der Sendung nach dem Großvater des „Führers“, ob er mosaischen Glaubens war. Gab’s ihn? Die Gegner und die Presse Anfang der dreißiger Jahre spielten Sherlock Holmes und entdeckten, ja was?

"Jüdische Grabsteine mit dem Namen Hütler". Die gezeigten vier Grabsteine sind im Fernsehbericht beim besten Willen nicht zu entziffern. Um so deutlicher ist ein schmiedeeisernes Grabkreuz lesbar:   „Hier ruht in Gott die Familie Salomon“ und außerdem die Spitze eines solchen Grabkreuzes INRI, sichtlich beide Bilder mehr "mit versteckter Kamera"  geschossen.

Jüdisch? Alles zweifelsfrei christkatholisch. Der Familienname Salomon markant ins Auge gesetzt, obwohl er ebensowenig jüdisch sein muss wie der Name Israel, und Kreuz und  Beschriftung beweisen es.

Oder will Knopp ablenken?  Wovon bloß?
 Der schon erwähnte Langer-Bericht des OSS erwähnt den Haushalt von Baron Rothschild in Wien. Der Chef des Hauses hörte seinerzeit auf den Vornamen Salomon, was dem Profi Knopp  bekannt sein muß. Und wem’s nicht reicht: Google’s Fundgrube öffnet unter den beiden Stichwörtern 'Hitler' und 'Rothschild' mit fast 40 000 (vierzigtausend) Fundstellen eine weite Welt. Andere Stichworte machen die Sache zu einem abendfüllenden Programm.
 Die eingangs monierte marktschreierische Attitude führt in der Tat nur in die Irre. Dem Zuschauer wäre erstmals einsichtig geworden, daß man „mit dem Zweiten besser sieht“. So aber bekam er am Sonntag eine Doublette auf's Auge, die ihm nur die Klarsicht nimmt.

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